Hintergrund
Gift und Psyche
Wenn Überdosierung, Drogenkonsum oder ein Horrortrip zur akuten Krise werden
Gift und Psyche lassen sich in einer akuten Situation oft nicht voneinander trennen. Eine Überdosierung, eine unbekannte Substanz oder der Mischkonsum von Medikamenten, Alkohol und Drogen kann den Körper gefährden. Zugleich können Angst, Panik, Verwirrtheit, Halluzinationen oder Suizidgedanken auftreten. Dann braucht es zunächst eine schnelle medizinische Einschätzung – und anschließend unter Umständen auch psychische Unterstützung.
In Bayern berät der Giftnotruf München am TUM Klinikum Rechts der Isar rund um die Uhr unter 089 19240. Die Fachleute schätzen anhand der konkreten Angaben ein, wie gefährlich eine Aufnahme sein kann und welche Schritte notwendig sind.
Nicht erst auf deutliche Symptome warten
Der Giftnotruf ist nicht nur bei einer bereits erkennbaren Vergiftung zuständig. Auch ein begründeter Verdacht ist Anlass genug anzurufen: etwa wenn ein Kind ein Haushaltsmittel probiert hat, Medikamente verwechselt wurden, eine zu hohe Dosis eingenommen wurde oder unklar ist, was und wie viel eine Person konsumiert hat.
Eine Überdosierung kann versehentlich geschehen, beispielsweise durch eine doppelte Medikamenteneinnahme. Sie kann im Zusammenhang mit Alkohol, illegalen Drogen, neuen psychoaktiven Substanzen oder Mischkonsum stehen. Und sie kann absichtlich erfolgt sein, etwa in einer suizidalen Krise. Für die medizinische Dringlichkeit ist nicht entscheidend, wie es dazu gekommen ist: Wichtig ist, schnell und offen mitzuteilen, was bekannt ist.
Ein Horrortrip kann ein medizinischer und seelischer Notfall sein
Der umgangssprachliche Begriff „Horrortrip“ beschreibt eine stark belastende Reaktion nach dem Konsum psychoaktiver Substanzen. Betroffene können extreme Angst, Panik, Verfolgungsgefühle, Orientierungslosigkeit oder den Eindruck erleben, die Kontrolle zu verlieren. Wahrnehmung und Zeitgefühl können verändert sein.
Eine solche Situation sollte nicht als bloß unangenehmer Rausch abgetan werden. Oft ist unklar, welche Substanz tatsächlich enthalten war, wie hoch sie dosiert wurde oder welche Wechselwirkungen bestehen. Psychische Auffälligkeiten können zudem mit körperlichen Gefahren wie Kreislaufproblemen, Überhitzung, Krampfanfällen oder Bewusstseinsstörungen verbunden sein.
Die betroffene Person sollte möglichst nicht allein gelassen und vor zusätzlichen Reizen und Gefahren geschützt werden. Ruhiges Sprechen kann helfen. Diskussionen über das Erlebte oder Vorwürfe sind in der akuten Situation dagegen wenig hilfreich.
Wann sofort die 112 zuständig ist
Bei Bewusstlosigkeit, Atemnot, Krampfanfällen, schweren Kreislaufproblemen, starker Erregung mit Eigen- oder Fremdgefährdung oder anderen lebensbedrohlichen Zeichen muss sofort der Rettungsdienst unter 112 gerufen werden. Das gilt auch, wenn eine erhebliche Menge eingenommen wurde oder sich der Zustand rasch verschlechtert.
Im Zweifel ist es besser, einmal zu früh als zu spät Hilfe zu holen. Der Giftnotruf ersetzt den Rettungsdienst nicht. Er hilft vor allem dabei, das Risiko fachlich einzuschätzen und das weitere Vorgehen zu klären.
Diese Angaben helfen beim Anruf
Wenn möglich, sollten Produkt, Medikamentenpackung oder Substanzreste bereitgehalten werden. Hilfreich sind insbesondere:
- Was wurde aufgenommen oder womit bestand Kontakt?
- Welche Menge kommt ungefähr infrage?
- Wann ist es geschehen?
- Wie alt und wie schwer ist die betroffene Person?
- Welche Beschwerden oder Verhaltensänderungen sind bereits erkennbar?
- Wurden weitere Medikamente, Alkohol oder Drogen konsumiert?
Keine Zeit sollte mit der Suche nach vollkommen sicheren Angaben verloren gehen. Auch unvollständige Informationen sind besser als kein Anruf.
Keine Hausmittel auf eigene Faust
Erbrechen sollte nicht eigenmächtig ausgelöst werden. Auch Milch, Salzwasser oder andere vermeintliche Gegengifte können je nach Stoff ungeeignet oder sogar gefährlich sein. Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen richtig sind, hängt von der Substanz und vom Zustand der betroffenen Person ab. Deshalb sollten die Anweisungen des Giftnotrufs oder des Rettungsdienstes befolgt werden.
Nach der akuten Versorgung die seelische Krise ernst nehmen
Ist die unmittelbare Vergiftungsgefahr behandelt, kann die psychische Belastung fortbestehen. Nach einem Horrortrip können Angst, Scham oder Unsicherheit bleiben. Hinter einer absichtlichen Überdosierung steht möglicherweise eine schwere Krise, die nicht mit der körperlichen Stabilisierung beendet ist.
Dann kann der Krisendienst Bayern unter 0800 655 3000 rund um die Uhr beraten und weitere Hilfe vermitteln. Bei akuter Lebensgefahr bleibt die 112 die richtige Nummer. Für eine längerfristige Begleitung kommen je nach Situation unter anderem ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung, Suchtberatung und Sozialpsychiatrische Dienste infrage.
Zwei Blickrichtungen, ein Ziel
Der Giftnotruf klärt die toxikologische Gefahr. Psychosoziale und psychiatrische Hilfen nehmen die seelische Krise in den Blick. Beides kann gleichzeitig notwendig sein. Wer aus Angst vor Vorwürfen oder rechtlichen Folgen wichtige Angaben verschweigt, erschwert die Einschätzung. In einer akuten Situation geht es zuerst darum, Leben und Gesundheit zu schützen.