Hintergrund
Krisendienst Bayern
Was beim Anruf geschieht – und wann Hilfe vor Ort kommt
Eine psychische Krise hält sich nicht an Sprechzeiten. Wenn Angst, Verzweiflung, innere Unruhe oder Suizidgedanken übermächtig werden, ist der Krisendienst Bayern rund um die Uhr unter 0800 655 3000 erreichbar. Der Anruf ist aus Bayern kostenlos.
Viele Menschen wissen jedoch nicht, was nach dem Wählen der Nummer geschieht. Manche erwarten, dass automatisch ein Team vor der Tür steht. Andere befürchten genau das und zögern deshalb. Tatsächlich beginnt die Hilfe mit einem Gespräch und einer fachlichen Einschätzung. Erst danach wird gemeinsam geklärt, was als Nächstes gebraucht wird.
Wer kann anrufen?
Der Krisendienst richtet sich an Menschen in seelischen Krisen, an Angehörige und an andere Personen aus dem sozialen Umfeld. Auch Fachkräfte und Einrichtungen können sich beraten lassen. Eine Diagnose oder ärztliche Überweisung ist nicht erforderlich.
Es gibt keine feste Schwelle, ab der eine Krise „schlimm genug“ ist. Anlass können beispielsweise starke Ängste, depressive Verzweiflung, Suizidgedanken, eine psychotische Zuspitzung, ein belastender Verlust, eine eskalierende familiäre Situation oder das Gefühl sein, die Kontrolle zu verlieren. Wer unsicher ist, darf anrufen und die Situation schildern.
Was geschieht am Telefon?
In der Leitstelle sprechen psychosozial geschulte Fachkräfte mit der anrufenden Person. Sie hören zu, fragen nach der aktuellen Lage und versuchen einzuschätzen, wie dringend die Situation ist. Dazu kann gehören, nach Suizidgedanken, konkreten Gefahren, dem Aufenthaltsort, verfügbaren Bezugspersonen und bereits vorhandener Behandlung zu fragen.
Manchmal reicht die telefonische Beratung aus, um die Lage zu beruhigen, Sicherheit für die nächsten Stunden herzustellen und konkrete Schritte zu vereinbaren. In anderen Fällen vermittelt die Leitstelle zu einer ambulanten Beratung, einer psychiatrischen Praxis, einem Sozialpsychiatrischen Dienst, einer Klinik oder einer anderen passenden Stelle.
Ein mobiles Team kommt nicht automatisch
Wenn telefonische Hilfe nicht genügt, kann die Leitstelle unter bestimmten Voraussetzungen ein mobiles Einsatzteam vermitteln. Ob ein solcher Vor-Ort-Einsatz notwendig, geeignet und regional verfügbar ist, wird anhand der konkreten Situation entschieden. Ein mobiles Team kann deshalb nicht wie ein Fahrdienst bestellt werden.
Die Einsatzkräfte suchen die betroffene Person auf, versuchen die Situation zu stabilisieren und klären den weiteren Hilfebedarf. Das geschieht grundsätzlich gemeinsam mit der betroffenen Person. Bei einer akuten erheblichen Gefahr gelten jedoch die gesetzlichen Regeln des Notfall- und Gefahrenabwehrsystems.
Welche weiteren Hilfen sind möglich?
Je nach Lage kann der Krisendienst eine telefonische Krisenintervention anbieten, zu regionalen Beratungs- oder Behandlungsangeboten vermitteln, einen mobilen Einsatz veranlassen oder bei besonders hoher Dringlichkeit Rettungsdienst, Polizei oder eine psychiatrische Klinik einbeziehen. Nicht jede Krise führt also zu demselben Ablauf.
Bei unmittelbarer Lebensgefahr, einem laufenden Suizidversuch, schweren Verletzungen oder einer akuten Gewaltsituation sind 112 beziehungsweise 110 direkt zuständig.
Auch Angehörige bekommen Unterstützung
Angehörige erleben psychische Krisen oft als hilflos machend. Sie müssen einschätzen, ob sie allein bleiben können, wie sie ansprechen sollen, was sie ernst nehmen müssen und wann professionelle Hilfe nötig ist. Der Krisendienst berät deshalb auch Eltern, Partnerinnen und Partner, Freunde, Nachbarn oder andere Bezugspersonen.
Eine Beratung ist auch möglich, wenn die betroffene Person selbst nicht anrufen möchte. Welche konkreten Schritte ohne ihre Mitwirkung möglich sind, hängt von der Lage und einer möglichen Gefährdung ab.
Krisendienst, SPDi und TelefonSeelsorge: unterschiedliche Rollen
Der Krisendienst Bayern ist auf akute psychische Krisen und die Vermittlung regionaler Hilfen ausgerichtet. Sozialpsychiatrische Dienste beraten und begleiten wohnortnah, arbeiten aber normalerweise zu geregelten Sprechzeiten und sind kein rund um die Uhr verfügbarer Notdienst.
Die TelefonSeelsorge ist ebenfalls Tag und Nacht erreichbar. Sie bietet anonymes, vertrauliches Gespräch und seelische Begleitung. Sie verfügt jedoch nicht über dieselbe regionale Einsatz- und Vermittlungsstruktur wie der Krisendienst. Welches Angebot passend ist, hängt von der Situation ab; im Zweifel darf man sich an eine der Stellen wenden und den Bedarf klären.
Vertraulich und sprachlich erreichbar
Die Beratung wird vertraulich behandelt. Für die Einschätzung und eine mögliche Vermittlung kann es notwendig sein, nach persönlichen Angaben oder dem Aufenthaltsort zu fragen. Nach Angaben der Krisendienste Bayern ist Beratung mit Sprachmittlung in mehr als 120 Sprachen sowie in Deutscher Gebärdensprache möglich.
Ein bayernweites Angebot
Die Krisendienste Bayern wurden als flächendeckendes Hilfesystem der sieben bayerischen Bezirke aufgebaut. Der Freistaat Bayern beteiligt sich an der Finanzierung. Regionale Träger stellen gemeinsam mit den Leitstellen die Versorgung und die mobilen Einsatzdienste sicher.
Die Nachfrage zeigt, dass das Angebot zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden ist. Für 2025 berichten die Krisendienste Bayern von 109.147 Kontakten und 4.292 mobilen Einsätzen. Die Zahlen verdeutlichen zugleich: In der großen Mehrheit der Kontakte besteht die Hilfe nicht in einem mobilen Einsatz, sondern in telefonischer Beratung, fachlicher Einschätzung und der Vermittlung geeigneter weiterer Unterstützung.
Der Anruf ist bereits ein Schritt
Menschen in Krisen müssen beim ersten Gespräch nicht schon wissen, welche Hilfe sie benötigen. Genau diese Klärung gehört zur Aufgabe des Krisendienstes. Wer anruft, verpflichtet sich zu nichts und muss seine Notlage nicht beweisen. Der Anruf schafft zunächst einen geschützten Raum, in dem aus einer unübersichtlichen Situation ein nächster, konkreter Schritt werden kann.